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Proveana - Datenbank Provenienzforschung - Deutsches Zentrum Kulturgutverluste

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Projekt

Die Bernhard-Winter-Stiftung: Provenienzforschung am Stadtmuseum Oldenburg

Projekt-ID
KU02-2015
Permanent URL
https://www.proveana.de/de/link/pro10000104
Forschungskontext
  • NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut

Beschreibung

Der Nachlass des Oldenburger Portrait- und Heimatmalers Bernhard Winter (1871–1964) wurde am Stadtmuseum Oldenburg auf Raubgut hin untersucht. Während der Zeit des Dritten Reichs standen der Künstler und seine Ehefrau, Martha Winter, der völkischen Ideologie des Nationalsozialismus nahe. Dieser Umstand und zugleich die ungeteilte Anerkennung des Regimes, die Bernhard Winter als Maler genoss, gaben Anlass zu der Frage, ob er als Sammler über einschlägige Kontakte einen privilegierten Zugriff auf sogenanntes "Hollandgut" gehabt hat, auf beschlagnahmte Haushaltsgüter aus jüdischem Besitz, die in den Jahren 1942 bis 1944 als nationalsozialistisches Raubgut aus den Beneluxländern und aus Frankreich in Oldenburg und im ehemaligen Gau Weser-Ems zur großflächigen Verteilung kamen.

Im Fokus der Untersuchung stand die mehr als 600 Objekte umfassende kulturhistorische Sammlung des Künstlers, bestehend aus vielerlei bäuerlichem Haus- und Zierrat, bürgerlichem Gebrauchsgeschirr sowie Möbeln verschiedener Jahrhunderte aus der Region. Darüber hinaus zählen auch einige Exponate zu dieser Kollektion, die Bernhard Winters Sammlungsschema, welches wesentlich von der Heimatbewegung geprägt ist, nicht entsprechen: Unter Ihnen ragt ein vermutlich belgischer Damensalon des Jugendstils besonders heraus, des Weiteren einige kunstgewerbliche Gegenstände aus Frankreich und Holland. Diesen Objekten galt im Laufe des Projekts eine besondere Aufmerksamkeit. Jedoch haben sich zu ihnen keinerlei konkrete Hinweise auf unrechtmäßigen Erwerb gefunden.

In einem ersten umfangreichen Schritt wurde der gesamte schriftliche und bildliche Nachlass der Eheleute Bernhard und Martha Winter, der in insgesamt 27 Archivkartons und einigen Kisten im Stadtmuseum verwahrt wird, gesichtet. Alles Bild- und Schriftgut, das für die Fragestellung des Projekts wesentlich ist, wurde systematisch auf Verdachtsmomente hin untersucht, darunter vielerlei private Aufzeichnungen und Korrespondenz.

In einem zweiten Schritt erfolgte die systematische Überprüfung der Objekte: Gut 600 im Bestand des Museums verzeichnete Gegenstände der Sammlung wurden in der Dauerausstellung und im Magazin auf spezifische äußere Besitz- und Herkunftsmerkmale wie etwa handschriftliche Bezeichnungen, Stempel, Aufkleber, Nummerierungen, etc. hin untersucht. Als Basis für diese Arbeit diente die 2013 erstmalig erfolgte digitale Erfassung der kulturhistorischen Sammlung von Bernhard Winter.

In beiden Forschungsschritten wurden konkrete Hinweise und auch potentiell relevante Daten in digitalen Verzeichnissen dokumentiert, so dass im Falle weitergehender Untersuchungen und neuer Erkenntnisse darauf zurückgegriffen werden kann.

Im Laufe des Projekts wurde in drei Einzelfällen tiefergehend recherchiert, die jeweils den Verdacht auf einen NS-verfolgungsbedingten Hintergrund nahelegen. Die Recherchen und Ergebnisse, so hat sich gezeigt, gehen in zwei Fällen über die ursprüngliche Fragestellung des Projekts nach sogenanntem "Hollandgut" hinaus.

Einen Anfangsverdacht begründet ein Brief mit einer Schmucksendung an Bernhard Winter. Der Gold- und Silberschmied Friedrich Byl aus Leer übersendet am 20.06.1934 ein vom Künstler bestelltes traditionelles Silberarmband, das in der Firma Byl "zur Ablieferung" gekommen sei. Da etwa 35 jüdische Einwohner die Stadt Leer bereits in den Jahren 1933 und 1934 verließen, um im Ausland oder in deutschen Großstädten vor den Repressalien der Nationalsozialisten Zuflucht zu suchen, stellt sich die Frage, ob im Falle dieses Schmuckstückes ein NS-verfolgungsbedingter Hintergrund vorliegt. Die Objektidentität des besagten Silberarmbands kann innerhalb der Sammlung und anhand der Quellen jedoch zurzeit nicht sicher bestimmt werden. Ein Verbleib der Geschäftsunterlagen der Leeraner Firma Byl konnte bisher nicht ermittelt werden. Nach heutigem Kenntnisstand bleibt es im Falle des fraglichen Schmuckstücks daher bei einem Anfangsverdacht.

Eine private Aufzeichnung von Martha Winter gibt Anlass zu einem zweiten Verdacht, der unmittelbar zu dem Themenkomplex "Hollandgut" führt. Am 25.10.1942 notiert sie Bernhard Winters Verlust eines Herrenschirmes. Herr Wächter aus Rastede habe mit einem Stockschirm helfen können, welchen er "als Kaufmann […] mal zurückbehalten" hatte. In den einschlägigen Kriegsjahren 1942 bis 1944 war das Kaufhaus Wächter in Rastede einer der Orte, an dem das sogenannte "Hollandgut" zur öffentlichen Verteilung kam. Durchaus anzunehmen ist daher, dass der "zurückbehaltene" Stockschirm aus den national-sozialistischen Raubgutbeständen stammte, die im Rahmen der sogenannten "M-Aktion" aus den besetzen Ländern über die Hollandroute in das Oldenburger Land transportiert wurden. Im Bernhard Winters Nachlass, der ursprünglich auch vielerlei alltäglichen Hausrat umfasste, ist der besagte Stockschirm zurzeit nicht zu identifizieren.

Eine dritte Spur führt zu einem dringenderen Verdacht und unerwartet zu einem frühen Hauptwerk des Künstlers Bernhard Winter selbst. Es handelt sich um das Genrebild "Die Webstube", welches 1898 auf der großen Berliner Kunstausstellung erfolgreich verkauft worden war. Den Tagebuchnotizen von Martha Winter ist zu entnehmen, dass dieses Gemälde "aus dem jüdischen Besitz Dr. Goldmann, Berlin (der nach Paris verzogen war)" im Jahr 1934 bei dessen Oldenburger Verwandten Berg-Steintahl [richtig: Steinthal, Anm. d. Verf.] erneut zum Verkauf stand und bei dieser Gelegenheit von der Stadt Oldenburg zu einem "billigen Preis" erworben wurde. Das Kunstwerk befindet sich allerdings nicht in der Sammlung des Stadtmuseums, sondern im Bestand des Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg. Aus diesem Grunde wurde eine enge Kooperation beider Museen zur Aufklärung des komplexen Sachverhalts ins Leben gerufen. Bei der Erforschung einer lückenlosen Provenienz des Gemäldes bis zum fraglichen Verkauf im Jahr 1934 konnten wichtige Dokumente im schriftlichen Nachlass von Bernhard Winter gefunden, ausgewertet und dem Landesmuseum Oldenburg übermittelt werden. Sie enthalten erste wesentliche Hinweise für die weiteren, noch folgenden Untersuchungen.

Im Rahmen eines Überblicks über die Provenienzforschung im Nordwesten ist in den jährlich erscheinenden "Nachrichten des Marschenrates zur Förderung der Forschung im Küstengebiet der Nordsee" ein Arbeitsbericht über die laufende Forschung im Stadtmuseum Oldenburg erschienen (Heft 53/2016, S. 89-92).

Auf der Konferenz "Provenienzforschung im Nordwesten" im Museumsdorf Cloppenburg (15.03.2016) wurde das abgeschlossene Forschungsprojekt einem größeren Fachpublikum vorgetragen.

Das Stadtmuseum Oldenburg ist Mitglied im Netzwerk Provenienzforschung in Niedersachsen.


(c) Stadtmuseum Oldenburg

Grunddaten

Projektkategorie
Systematische Prüfung von Sammlungsbeständen
Beschreibung Bestand
Sammlung
Zuwendungsempfänger
Stadtmuseum Oldenburg
(Museum)
Ansprechpartner
Dr. Steffen Wiegmann
Leitung Stadtmuseum Oldenburg
stadtmuseum@stadt-oldenburg.de
Bundesland
Niedersachsen
Projektlaufzeit
01.11.2015 - 15.02.2016
Projektwebsite
https://stadtmuseum-oldenburg.de/provenienzforschung/provenienzforschung-am-sta…
Ortsbezug
Ort
Niedersachsen
Getty
,
GeoNames
Standort
Deutschland, Oldenburg
Getty
,
GeoNames

Forschungsbericht und Materialien

Für den Zugang zu den Forschungsberichten ist ein sogenannter erweiterter Zugang notwendig. Dieser kann beim Zentrum beantragt werden und setzt ein „berechtigtes Interesse“ voraus. Nähere Informationen hierzu erhalten Sie in der Ausführlichen Anleitung. Sollten Sie bereits über ein Nutzerkonto mit erweitertem Zugang verfügen, loggen Sie sich bitte ein.

Inhaltliche Bezüge

Personen/Körperschaften

  • Verweist auf
    Winter, Bernhard
  • Verweist auf
    Sylvester
  • Verweist auf
    Goldmann, Jac.
  • Verweist auf
    Steinthal, Cäcilie
  • Verweist auf
    Berg, Betty
  • Verweist auf
    Berg, Alfred
  • Verweist auf
    Byl, Friedrich
  • Verweist auf
    Winter, Martha
  • Verweist auf
    Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg
  • Verweist auf
    D. Byl

Sammlungen

  • Verweist auf
    Sammlung Bernhard Winter

Archivalien

  • Verweist auf
    Bestand Landratsamt Ammerland: Anmeldung und Rückerstattung ehemals jüdischen Vermögens
  • Verweist auf
    Nachlass Bernhard Winter

Literatur & digitale Angebote

  • Verweist auf
    Byl: "Byl [Fam.]. Gold- und Silberschmiede", 1993.
  • Verweist auf
    Fricke: Das Lebenswerk des Malers Bernhard Winter, 1940/41.
  • Verweist auf
    Der Maler und Graphiker Bernhard Winter (1871-1964)., 2002.
  • Verweist auf
    Gilly, Heinemeyer u.a. (Hg.): Bernhard Winter 1871 - 1964, 1971.
  • Verweist auf
    Gilly: Oldenburger Stadtmuseum, 1977.
  • Verweist auf
    Hensmann: Dokumentation „Leer 1933 – 1945“, Leer 2001.
  • Verweist auf
    Kaiser: Zur Geschichte der Gold- und Silberschmiede Byl, Leer, 1977.
  • Verweist auf
    Katalog der Herbstausstellung in der Kunsthandlung von Fritz Gurlitt, Berlin 1882
  • Verweist auf
    Nachrichten des Marschenrates zur Förderung der Forschung im Küstengebiet der Nordsee, Heft 53/2016, S. 85-103
  • Verweist auf
    Paulsen: Erinnerungsbuch, Bremen 2001.
  • Verweist auf
    Priet, Henning: Die Stadt Leer und das „Dritte Reich“, München 2012.
  • Verweist auf
    Reher, Eik F. F.: Der Heimatmaler Professor Bernhard Winter 1871 – 1964. Ein Begleiter zur Ausstellung über Werke des Künstlers aus Moorriem im Rathaus zu Elsfleth, Oldenburg 2000.
  • Verweist auf
    Reyer (Hg.): Ostfriesland im Dritten Reich. Die Anfänge der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft im Regierungsbezirk Aurich 1933-1945, (Beiträge des Kolloquiums der Ostfriesischen Landschaft am 7. und 8. Februar 1992), Aurich 1999.
  • Verweist auf
    Rosenbohm-Plate: Hollandmöbel – Auslandsmöbel – Judenmöbel, in: Oldenburger Jahrbuch 103 (2003), S. 169-176.
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