Glossar

Von A bis Z finden Sie hier eine Menge von Begriffen erklärt.
A

Alldeutscher Verband

Der Alldeutsche Verband (bis 1894 Allgemeiner Deutscher Verband) bestand von 1891 bis 1939 und wurde zur Förderung der deutschen Kolonialinteressen gegründet. Das Vereinsprogramm war auf militärische Expansion und Imperialismus ausgelegt und argumentierte dabei sozialdarwinistisch sowie rassistisch und antisemitisch. Insbesondere im Deutschen Kaiserreich und während des ersten Weltkriegs war der Verband sehr aktiv und beeinflusste öffentliche und politische Debatten nachhaltig. Neben lokalen und nationalen Ortsgruppen gab es auch einige im Ausland. Außerdem finden sich deutliche Elemente der „völkischen Ideologie“, wie beispielsweise pangermanische Verweise. Der Verein gilt als Vorläufer und Wegbereiter des Nationalsozialismus und wurde erst 1939 durch die nationalsozialistische Führung aufgelöst. (SF)

  • Kultur- und Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten

Ampelsystem

Im Rahmen einer →systematischen Bestandsprüfung sollen alle auf ihre Provenienzen untersuchten Objekte anhand der Farbskala bzw. dem Ampelsystem kategorisiert werden:

Grün= Die Provenienz ist für den Zeitraum zwischen 1933 und 1945 rekonstruierbar und unbedenklich. Sie schließt einen NS-verfolgungsbedingten Hintergrund aus, eine weitere Überprüfung ist nicht notwendig.

Gelb= Die Provenienz ist für den Zeitraum zwischen 1933 und 1945 nicht eindeutig geklärt, es bestehen Provenienzlücken oder ist nicht zweifelsfrei unbedenklich. Die Herkunft muss weiter erforscht werden.

Orange= Die Provenienz ist für den Zeitraum zwischen 1933 und 1945 bedenklich, da Hinweise auf einen Zusammenhang auf einen NS-verfolgungsbedingten Entzug vorliegen. Die Herkunft muss dringend weiter erforscht werden.

Rot= Die Provenienz ist für den Zeitraum zwischen 1933 und 1945 eindeutig belastet. Neben der Suche nach heutigen Erbanspruchsberechtigten ist eine Meldung in die Lost Art-Datenbank einzustellen.

(SL)

  • NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut

Arisierung

Achtung, hierbei handelt es sich um einen problematischen Begriff aus dem zeithistorischen Sprachgebrauch, dessen heutige Verwendung unangemessen bzw. nur mit entsprechender Kennzeichnung im wissenschaftlichen Kontext gebräuchlich ist. Derartige Termini können bspw. diskriminierend, euphemistisch, ideologisch gefärbte Neuschöpfungen und/ oder ideologische Neologismen sein.

Der Begriff bezeichnet "allgemein: die Verdrängung der Juden aus dem Berufs- und Wirtschaftsleben durch die nationalsozialistischen judenfeindlichen Gesetze und der Ausschluss der Juden aus Verbänden, Organisationen, Vereinen [...]" und im Speziellen die "Überführung jüdischen Eigentums in "arische" Hände" (Cornelia Schmitz-Berning: Vokabular des Nationalsozialismus, 2010). Ab 1933 einsetzende Boykott- und Verdrängungsmaßnahmen brachten jüdische Gewerbetreibende in wirtschaftliche Schieflagen, die Geschäftsaufgaben zur Folge haben konnten. Während Unternehmensübernahmen zunächst noch vermeintlich freiwillig bzw. von staatlicher Kontrolle unberührt möglich waren, versuchten die NS-Behörden ab Mitte der 1930er Jahre zunehmend Einfluss zu nehmen. Dies gipfelte schließlich in den "Arisierungsverordnungen" von 1938. Diesen vorangegangen waren "wilde Arisierungen" in Österreich im Zuge der Pogrome nach dem "Anschluss" im Frühjahr 1938. Auch abhängig vom Verhalten der Erwerber liefen "Arisierungen" von skrupellos bis gutwillig sehr unterschiedlich ab. Mitunter versuchten loyale Mitarbeiter die Geschäfte ihrer jüdischen Inhaber weiterzuführen, was NS-Behörden als "Schein-Arisierungen" zu unterbinden suchten. In Bezug auf den Kunstmarkt im Nationalsozialismus stehen etwa die Fälle der Galerieübernahmen Heinemann/ Zinckgraf, Flechtheim/Vömel und Graupe/ Lange exemplarisch für die Komplexität der Vorgänge. (SL, UH)

  • NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut

Schmitz-Berning, Cornelia: Vokabular des Nationalsozialismus. Berlin, Boston: De Gruyter, 2010. S.62f. 

Bajohr, Frank: Arisierung als gesellschaftlicher Prozess. Verhalten, Strategien und Handlungsspielräume jüdischer Eigentümer und "arischer" Erwerber, in: Wojak/Hayes (Hrsg.), "Arisierung" im Nationalsozialismus, S.15-30. 

Goschler, Constantin, Lillteicher, Jürgen (Hrsg.): "Arisierung" und Restitution. Die Rückerstattung jüdischen Eigentums in Deutschland und Österreich nach 1945 und 1989, Göttingen: Wallstein, 2002. 

Goschler, Constantin, Ther, Philipp (Hrsg.): Raub und Restitution. "Arisierung" und Rückerstattung des jüdischen Eigentums in Europa. Frankfurt am Main: Fischer, 2003. S.9-40.

Auskunftersuchen

Wenn mutmaßliche rechtmäßige Eigentümer bzw. deren Rechtsvertreter die Vermutung haben, dass ein Objekt im Besitz einer kulturgutbewahrenden Einrichtung (bspw. eine Bibliothek oder ein Museum) Ihnen oder Ihren Vorfahren NS-verfolgungsbedingt entzogen wurde, wenden Sie sich mit einer Bitte um weitere Informationen an die betreffende Einrichtung. Dies ist häufig Anlass für eine Einrichtung, die Provenienz des infrage stehenden Objekts im Rahmen einer →Einzelfallrecherche zu überprüfen - mit dem Ziel eine "gerechte und faire Lösung" im Sinne der →Washingtoner Prinzipien herbeizuführen, sollte sich ein NS-verfolgungsbedingter Entzug bestätigen. (SL)

  • NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut

Auslagerung

Mit dem sich verschlechternden Kriegsverlauf im Deutschen Reich wurden museale Sammlungen zunehmend ausgelagert, um sie vor Kriegseinwirkung zu schützen. Die Auslagerung der Depots konnte unterschiedliche Konsequenzen haben: ihre Zerstörung am Auslagerungsort oder auf dem Weg dorthin, Zerstreuung oder Plünderung in den Kriegswirren, oder im Falle der Auslagerung in östliche Gebiete, die nach 1945 nicht mehr zum Deutschen Reich bzw. zu seinen Nachfolgestaaten gehörten, ihr gänzlicher Verlust. Man spricht in diesem Zusammenhang von kriegsbedingt verlagertem Kulturgut bzw. Beutegut - in Abgrenzung zum Begriff Raubgut. (SL)

  • Kriegsbedingt verlagertes Kulturgut

Autopsie

Im Kontext der Provenienzforschung wird die Sichtung von Objekten auf der Suche nach →Provenienzmerkmalen als Autopsie bezeichnet: Bücher werden autopsiert, um →Exlibris, Widmungen, Stempel, Aufkleber usw. zu identifizieren, welche Rückschlüsse auf die Herkunft zulassen. Gemälderückseiten werden untersucht, um Etiketten von Galerien, Kennziffern, Sammlerstempel etc. zu analysieren. Im besten Fall geben Provenienzmerkmale Hinweise auf Vorbesitzer und dokumentieren den Weg, den ein Objekt genommen hat. Die Autopsie ist daher ein wichtiger Aspekt der objektbasierten Provenienzforschung. Bei Grafik oder dreidimensionalen Objekten ist eine Autopsie nicht immer zielführend, da Provenienzmerkmale auf nicht unikalen oder geringwertigen Objekten seltener sind - hier sind quellenbasierte Provenienzrecherchen sinnvoller. (SL)

  • NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut
  • Kriegsbedingt verlagertes Kulturgut
  • Kulturgutentziehungen in SBZ und DDR
  • Kultur- und Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten

Deutsches Zentrum Kulturgutverluste: Leitfaden Provenienzforschung zur Identifizierung von Kulturgut, das während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft verfolgungsbedingt entzogen wurde. Magdeburg: 2019. S. 45-55.